Der ADAC und das Erdöl
Montag, den 16. August 2010 um 17:15 Uhr
von Florian Heidtmann
Es ist wahrlich erstaunlich: In aktuellen Ausgabe der ADAC-Zeitschrift „Motorwelt“, mit einer Auflage von 14 Millionen die auflagenstärkste Zeitschrift Europas und mit 19 Millionen Lesern einsam alle anderen deutschen Zeitschriften überragend (die Auflage des Spiegel beträgt weniger als eine Million, die Leserzahl wird mit knapp 6 Millionen Lesern angegeben) – in dieser „Motorwelt“ also, Heft 8/2010, wird in der Titelgeschichte „Vom Öl zum Strom“ auf Seite 20 deutlich gemacht: „Auf
dem heutigen Niveau des Energiekonsums reicht Erdöl noch 44 Jahre […]. Allerdings steigen der Wohlstand, die Fahrzeugdichte und damit der Kraftstoffbedarf in Ländern wie China und Indien rasant an.“ Ein Aussage, die einfach so stehen gelassen wird. Ist den Redakteuren (und uns Lesern) eigentlich nicht klar, was das bedeutet?
Unser gesamter heutiger Wohlstand beruht darauf, dass wir Öl verbrennen. Ein Barrel Erdöl (159 Liter) entspricht der Energie von 25.000 menschlichen Arbeitsstunden. Dies ermöglicht der Menschheit, das 70- bis 100-Fache dessen zu leisten, wozu sie ohne Erdöl in der Lage wäre. Jeden Tag verbrauchen wir unwiederbringlich 87 Millionen Barrel, allein die Hälfte davon für den Verkehr. Doch Erdöl ist auch die Basis der chemischen Industrie (die 90 % ihrer Grundchemikalien aus Erdöl gewinnt) und ihrer Produkte: Kosmetikartikel, Arzneimittel, Wasch- und Reinigungsmittel, Farben und Lacke. Nicht zu vergessen: Die allgegenwärtigen Kunststoffe (vulgo „Plastik“, aber auch Nylon, Teflon und andere) werden ebenfalls aus Erdöl hergestellt. „95% aller industriell gefertigten Produkte hängen heute von der Verfügbarkeit von Erdöl ab“ sagt eine aktuelle Studie der Bundeswehr.
Natürlich wird das Öl nicht an einem Tag im Jahr 2056 (bzw. wahrscheinlich noch viel früher) ausgehen – schon vorher wird es knapper und knapper und teurer und teurer. Und damit wird unser gesamter Lebensstil erst immer kostspieliger und damit schließlich grundsätzlich in Frage gestellt werden. Es ist eine verdrängte Tatsache und als solche viel beunruhigender als selbst der Klimawandel: Erdöl ist eine begrenzt vorhandene Ressource. Es wird uns ausgehen. Der Lebenssaft unserer Gesellschaft wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer weniger sprudeln, immer kostbarer werden – und schließlich versiegen.
Das muss aber keine schlechte Nachricht sein. Eine Welt ohne Verbrennungsmotoren, Plastik, Supermärkte und Massentourismus hat eindeutig ihre Vorteile. Eine Welt , in der die Straße wieder den Menschen gehört, in der jedes Dorf wieder einen kleinen Laden hat, in der wir gemeinschaftlich statt egoistisch handeln. In der Menschheitsgeschichte nimmt das Öl-Zeitalter ohnehin einen nur sehr kurzen Zeitraum ein. Wir haben davon mehr oder weniger profitiert (wir sind reicher und fauler geworden, zeitweise auch sorgloser, jedoch nicht glücklicher) und müssten uns jetzt der Aufgabe stellen, nachfolgenden Generationen einen möglichst reibungslosen Übergang in eine anders und hoffentlich besser gestaltete Welt zu ermöglichen. Wir sollten dabei nicht auf Politiker, Unternehmer, Techniker und Wissenschaftler vertrauen, die bis heute diese Herausforderung nicht angehen oder sie mit denselben Mitteln lösen wollen, die uns in diese Lage gebracht haben (Stichwort: grenzenloses Wachstum). Wir sollten dies gemeinsam mit unser Familie, unseren Freunden, Bekannten, Kollegen und Nachbarn tun. Ein gangbarer Weg in diese selbst gestaltete Zukunft ist die Energiewende, die jede Gemeinde für sich angehen kann. Auch in Hannover hat sich gerade eine Transition Town Initiative gegründet. Mehr zu dem Thema findet sich unter http://www.transition-town.de. Gehen wir es an! Wer, wenn nicht wir – wann, wenn nicht jetzt?